Patricia Rabs
Schauspielerin
Schauspiel

«Romeo und Julia» mit Happy End

Von Sabine Rother  19.06.2010, 11:02


Aachen. «Romeo und Julia», William Shakespeares berühmte Liebestragödie, hat im Aachener Das Da Theater ein Happy End. Theaterleiter und Regisseur Thomas Hirtz verleiht bei der Open-Air-Inszenierung im atmosphärischen Innenhof der Burg Frankenberg dem Werk eine sehr persönliche Prägung, in der er und sein gut trainiertes Ensemble mit der entflammten Liebe die Hauptpersonen aus der Shakespeare-Vergangenheit in eine moderne Jetztzeit wandern lässt.

Ein reizvoller und durchaus stimmiger Ansatz. Shakespeare auf der Burg - das ist alljährlich ein Ereignis. Zur Premiere gab es angenehme regenfreie Nachtstunden, Vogelgesang und einen wunderbaren Himmel, an dem - wie bestellt -zum Finale zwischen Turm und rauschenden Bäumen die Mondsichel leuchtete. Schlicht und mit gut gestrafftem Text entwickelt sich die Geschichte zwischen Romeo (Philipp Scholz) und Julia (Franziska Holitschke). Dramatisch kocht der alte Familienkonflikt Capulet-Montague hoch. Hier setzt Hirtz auf Publikumsnähe, spürt man die Innenspannung der Akteure.

Raffiniert und sehr variabel sind zwei von Bühnenbildner Frank Rommerskirchen entwickelte Gerüsttore auf Rollen, die jeweils in einer Spitze zulaufen und offene Elemente der Burg- oder Klosterarchitektur sein können. Zusammen mit Michaela Gabauer hat Rommerskirchen zudem für edle Kostüme der Shakespeare-Zeit gesorgt, denen das Liebespaar mit der heimlichen Hochzeit «entwächst». Ab sofort trägt ein sportlicher Romeo Jeans und Windjacke. Während Franziska Holitschke als Julia mit kindlichem Ungestüm die Liebe entdeckt und zur jungen Frau reift, ist Philipp Scholz ein Romeo, der von den Macken des verliebt-verwöhnten Bürschchens aus gutem Hause zur klaren starken Leidenschaft eines Liebenden findet. Von beiden gut entwickelt, vom Regisseur schnörkellos gelenkt.

Schlüsselszene in der Gruft

Sie umwirbelt ein Reigen aus Menschen, die ihnen helfen, wie der lebenserfahrene Bruder Lorenzo (Jens Eisenbeiser) oder die deftige Amme (Karen Lauenstein) und andere, die sie instrumentalisieren wollen, allen voran Lady Capulet und ihr Mann (starke Auftritte von Patricia Rabs und Jens Eisenbeiser), eine straffe Lady Montague (Ina Pappert) und die flott kämpfenden oder dienenden jungen Leute (Pascal Acker, Mike Kühne, Jakob Blessing, Robert von Marck, Katrin Jansen und Tom Schreyer). Den Fokus lenkt Hirtz auf die berühmte Schlüsselszene in der mit roten Grablichtern erleuchteten Familiengruft, wo Romeo seine vermeintlich tote Julia sucht und nach herzzerreißendem Abschied Gift schluckt. Wie ein wachgeküsstes Schneewittchen legt Julia das Totenkleid ab.

Wie Romeo trägt sie Jeans und Glitzershirt, beide entschweben zu modern-sphärischer Musik glücklich Hand in Hand im roten Licht der hässlich kalten Welt -Sieg der unsterblichen Liebe. Dass nun die übrigen Darsteller als Engel mit hohen spitzen Fittichen einen Kreis bilden, ist vielleicht ein bisschen viel Burgromantik. Insgesamt eine frische Produktion.

 

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Marionetten, Masken und Mord:

«Der tollste Tag» im Das Da Theater

Von Sabine Rother | 12.06.2009, 14:00 | Aachener Zeitung / Aachener Nachrichten

Aachen. Das Unheil lauert in düsterer Pracht hoch oben in einem Baum vor der Burg – blutrote Handschuhe mit schwarzen Fingernägeln, Rabenfedern am Hut, der tief ins weiße Maskengesicht gedrückt ist.

Jetzt gleitet der magische Schatten zu den Menschen, stellt die Personen der Handlung als Pappfigurinen auf und signalisiert den Zuschauern, dass mit einem bösen Lächeln, einem klirrenden Schwung seines kostbaren Mantels die Komödie zerbricht und die hauchdünn übertünchte Tragödie, die Geschichte von Schlagfertigkeit und schlagender Gewalt, hervorbricht.

Mit Peter Turrinis Stück «Der tollste Tag», frei nach Beaumarchais «Figaros Hochzeit», holt das Aachener Das Da Theater in seiner Open-Air-Produktion ein explosives Werk unserer Tage in den Hof der Burg Frankenberg.

Theaterleiter und Regisseur Thomas Hirtz hält von Anfang an die Zügel fest in der Hand, lenkt die rasante Handlung geschickt durch burleske, temporeiche Untiefen, um dann wieder die Stille zu suchen, das Nachdenken zu fordern.

Faszinierende Drehbühne

1972 im Landestheater Darmstadt uraufgeführt, verlangt Turrinis Stück über das Verhältnis von Witz und Macht mit der zutiefst bitteren Wahrheit «Gewalt ist stärker als der Witz» eine Inszenierung, bei der blühende Fantasien die finstere Realität grell demaskieren. Hierzu schuf Bühnen- und Kostümbildner Frank Rommerskirchen eine faszinierende, multifunktionale Drehbühne.

Das blanke Holz der sauber verarbeiteten Rundungen, Türen und Nischen wird zur Projektionsfläche eines gefährlichen Spiels, die sich schwindelnd als Karussell drehen kann, die Gestalten in Schaufensternischen positioniert oder den Raum zur Szene öffnet.

Diener Figaro und Zofe Susanna freuen sich auf die Heirat, doch der Graf, vor dem in krankhafter Geilheit kein Rock sicher ist, will bei der Braut das «Recht der ersten Nacht» aufleben lassen und auskosten. Eine üble Situation – auch für die in ihrer Ehe vereinsamte Gräfin. Ein abstruses Gerichtsurteil soll Figaro in eine andere Ehe zwingen, doch es kommt zum mörderischen Eklat…

Mit Masken und opulenten Kostümen entlarvt Rommerskirchen die Charaktere durch einen genialen Reigen der Monstrositäten. Er zieht ihnen optisch die Kleider über den Kopf, ohne sie zu entkleiden, und schon brechen nackter Neid, Raffgier, Wollust und Bosheit hervor.

Rosige Farbtöne und helles Blau tragen die Liebenden – üppig zerzaustes, steifes Rokoko schillert in morbiden Quasten, Spitzen und Seidenstoffen der Herrschenden. Immer wieder wechseln die Darsteller zwischen Pantomime und Bewegungen der von Turrini so geliebten Comedia dell´arte (Choreographie Marga Render), sorgt als «rote Faden» ein im rasselnden Stil des berühmten Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki schnarrender und Intrigen spinnender «Bazillus» für frischen Biss.

Schneller, textsicherer Schlagabtausch wechselt mit gedämpften Szenen.

Mal glaubt man, die von Motten angegriffenen Puppen eines Marionettentheaters zu sehen, dann wieder Gestalten aus dem «Tanz der Vamipre. Ausgewählte Lieder (Christoph Eisenburger, Instrumentalmusik Pascal Comelade) erzählen von Traurigkeit und Resignation, von Sehnsucht, Schmerz und Angst. Die gefährliche Mischung aus Machtmissbrauch und Aufbegehren einer gequälten Unterschicht eskaliert.

Hirtz schiebt in diesem Moment alle Spielerei beiseite. Die Szene ist offen brutal, heftig und eindeutig, ihr tödlicher Ausgang alles andere als witzig. Die Gräfin reißt sich schluchzend die Kleider vom Leibe, als ob sie brennen.

Mit Christian Backhaus (Figaro), Elena Lorenzon (Susanna), Jens Eisenbeiser (Graf Almaviva), Patricia Rabs (Gräfin), Mike Kühne (Bazillus/Fremder), Karen Lauenstein (Marcelline) und Uwe Dreysel (Cherubin) hat Hirtz ein spielfreudiges, professionelles und sprachgewaltiges Ensemble zur Verfügung, das feinste Charakterzeichnung bewältigt.

Insgesamt eine Inszenierung, die sich nie verzettelt, die straff und dynamisch auf den Höhepunkt – die Demaskierung der Lügen – zustrebt. Zum Schluss versinkt der Spielort in blauer Nacht. Unheimliche Ruhe kehrt ein, eine lockende, traurige Melodie klingt auf: Der bedrohliche Fremde erscheint zum letzten Mal und umgreift das Publikum mit wissendem Blick.

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Durchgestylte Barockfiguren in einer zeitloss-ironischen Welt

Von Heike Nelsen-Minkenberg  14.06.2009, 18:13, Aachener Nachrichten


Aachen. «Als das Wasser am Nachmittag einen halben Meter hoch im Innenhof stand, hätten wir niemals gedacht, dass wir heute Abend spielen können», brachte Tom Hirtz, der Intendant des DasDa-Theaters, die Befürchtungen der Schauspieler und Zuschauer auf den Punkt. Bis zuletzt war es wegen der ständigen Gewitterschauer eine Zitterpartie, ob die Premiere von Peter Turrinis «Der tollste Tag», einer Adaption von «Figaros Hochzeit», am Donnerstagabend auf Burg Frankenberg über die Bühne gehen konnte. Auch Verena Waltmann hatte damit am Nachmittag noch nicht gerechnet. Doch am Abend war die Sechzehnjährige ebenso wie das gesamte Publikum von der grandiosen Aufführung gefangen.

«Die Kostüme waren toll», so die Schülerin. Unglaublich phantasievoll hat Kostümbildner Frank Rommerskirchen unter Verwendung moderner Kleidung und von Secondhand-Materialien eine witzige, verspielt-bunte, komplett ironisierte Barock-Gesellschaft geschneidert, á la «H&M goes Rokoko». Jede Figur ist durchgestylt bis ins letzte Detail, und alles hat eine Aussage.

«Sogar die Ärmellänge gibt eine Auskunft über den Stand der Person», fiel Martin Theißen auf. So agiert Figaros Braut, die Dienerin Susanna (Elena Lorenzo), mit nackten Armen, während ihre Widersacherin, die alternde Marcelline (Karen Lauenstein), fast meterlange Spitzenrüschen an den Handgelenken mit sich herumschleppt. Und der aufdringliche Graf Almaviva (Jens Eisenbeiser), der gegenüber Susanna sein «Recht der ersten Nacht» geltend machen will, ertrinkt fast unter einer riesigen Perücke, während der Diener Figaro (Christian Backhaus) sich sein Toupet ständig herunterreißt, mit kahlem Kopf auftritt.

Doch das sind nur die optischen I-Tüpfelchen auf der grandiosen schauspielerischen Leistung. «Es war ein absolutes Ensemblestück», würdigt Marco Sievert. «Ein zeitloses Stück, zeitlos inszeniert, ohne Kitsch und Pathos.»

Dafür mit vielen originellen Einfällen. Besonders bewundert die doppelschalige Drehbühne, die sich innerhalb von Sekunden vom Karussel zum intimen SeparŽe, zum Park, zum Gerichtssaal, zum Appartement der Gräfin wandelte. «Toll, wie die Schauspieler mit dieser Drehbühne gearbeitet haben», meint Theißen.

Besonders gefiel ihm - ebenso wie Waltmann - der Regieeinfall, dass die Schauspieler in den Arkaden des äußeren Bühnenrunds immer wieder zu Puppen erstarrten, bevor sie erneut in das Geschehen eingriffen. Auch die ständigen «Lauschangriffe» des Grafendieners Bazillus (Mike Kühne) und des Pagen Cherubin (Uwe Dreysel) wurden durch die sich immer wieder öffnenden, schließenden und verschiebenden Fenster wunderbar komödiantisch gelöst.

Wenngleich alle Akteure Großes geleistet haben, beeindruckte Verena Waltmann besonders Patricia Rabs in der Rolle der einsamen Gräfin Almaviva. «Ich fand sie gut und sehr authentisch. Eine große schauspielerische Leistung, besonders in der tragischen Schlussszene.» Denn «das Ende war überraschend», so Waltmann.

Turrinis Stück ist zwar eine Adaption von Figaros Hochzeit, doch während die Vorlage von Beaumarchais, die durch Mozarts Oper unsterblich geworden ist, eine reine Komödienhandlung bietet, bricht Turrini die Darstellung. «Die Verhältnisse sind stärker als die Sprache, die Gewalt ist stärker als der Witz», so der Autor über seine Bearbeitung. Damit findet am Ende auch keine Hochzeit statt. Die Inszenierung besaß «die nötige, vom Autor gewollte Portion Witz gleichzeitig mit der ebenso nötigen Portion Tragik», resümiert Marco Sievert.

 

 
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Anarchie und Chaos eines entfesselten Trieblebens


Von Grit Schorn | 20.06.2008 (Aachener Zeitung / Aachener Nachrichten)


Aachen. EM-Fußball im Fernsehen oder Shakespeare auf der Burg? Das treue Stammpublikum des Aachener Das Da Theaters hat es auf die Burg Frankenberg gezogen, die sich nicht zum ersten Male als idealer Spielort für Shakespeares Werke erwies.

Turbulent und wild gleich der gelungene Auftakt: Die schöne Amazonenkönigin Hippolyta, die der Herzog Theseus nur durch einen Hinterhalt für sich gewann, flieht vor dem Verlobten bei Discomusik über die Dächer und seilt sich geschickt ab.

Und wenn es schon so bizarr am Hofe zugeht, wie mag es dann im Wald aussehen, in der Natur, wo sich das Herrscherpaar im Elfenreich, Oberon und Titania, eifersüchtig zerstreitet? Wo außerdem der tückische Waldgeist Puck sein Zepter schwingt… Keltische Mythen und Sagen spuken hier ebenso herum wie eine märchenhafte Antike mit bizarren Fabelwesen. Die sich alsbald «hübsch unzüchtig» im Geäst umschlingen (Choreographie: Marga Render).

«Ein Sommernachtstraum», wahrscheinlich 1595 in London uraufgeführt, ist weit mehr als eine romantische Komödie, sie offenbart die Triebnatur des Menschen, mal deftig, mal dämonisch, aber immer mit tiefgründigem Witz. Und so passt es hervorragend, dass Regisseur Tom Hirtz den Athener Palast des Theseus in den viktorianischen Hof der Kolonialzeit verwandelt hat – Puritanismus und Heuchelei sind hier besonders gut vorstellbar.
Einleuchtend auch die Doppelbesetzung des höfischen Paares und des Elfen-Gespanns mit Patricia Rabs und Mike Kühne, die den Geschlechterkampf in beiden Beziehungen schön herausarbeiten.



Auch Jens Eisenbeisers boshafter Kobold Puck hat eine Entsprechung am Hofe und zwar im akkuraten «Staatssekretär» Philostrat. Doch die engen viktorianischen Krägen platzen auf, wenn es um Liebe, Hiebe und Triebe geht. Das müssen auch die vier jungen Leute erfahren, die im verzauberten Wald «Bäumchen-wechsel-dich» spielen, sich schlagen und nach Pucks Pfeife tanzen müssen. Ihre strenge Kluft ist nach all diesen hitzigen Liebesirrungen und – wirrungen nicht mehr wieder zu erkennen (Karen Lauenstein als Helena, Ina Pappert als Hermia sowie Mustafa Eren als Lysander und Maximilian Popp als Demetrius, alle herrlich derangiert).

Achtung, Drogenalarm: Puck, der Satyr mit rotem Pavian-Popo und tierhafter Körperbehaarung, verabreicht in Oberons Auftrag gefährliche Liebestropfen, die den Schlafenden in die erste Person verliebt machen, die er nach dem Aufwachen zu Gesicht bekommt. Das geht natürlich gründlich schief, so auch bei Titania, die sich bei Shakespeare in einen Handwerker mit Eselskopf namens Zettel «tierisch» verguckt. Der angezauberte Eselskopf bleibt hier zwar erhalten, wird aber getragen von einer exaltierten Lehrerin (Daniela Gölden), die mit ihren Schülerinnen eine antike Tragödie nachstellen will.

Richtig komisch wird dieser Einschub am Schluss, als die nervöse Lehrerin alle Rollen selbst spielt. Nicht nur die verführerischen «animalischen» Kostüme (Frank Rommerskirchen, auch verantwortlich für den einfallsreichen «Waldraum») scheinen am Ende nahezulegen, dass Anarchie und Chaos dieses entfesselten «Trieblebens» wohl nur im Traum zu haben sind – oder als Albtraum ausufern.

Kraftvoller Beifall für die «fantastische» und temporeiche Aufführung – und die recht freundliche Witterung! Die heimkehrenden Zuschauer werden begleitet von einem unaufhörlichen Hupkonzert – auch bei Fußballsiegen tritt Archaisches hervor.

SommerNachtsTraum vom 19.06 – 03.08.2008 Di.-So. 21.00 Uhr auf der Burg Frankenberg

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Puzzle um Liebe und Vertrauen: «Der Beweis» im Das Da Theater

Grit Schorn  22.02.200, Aachener Zeitung/ Aachener Nachrichten

Aachen. Kein kühler Arbeitsraum, eher eine lässige Bohème-Atmosphäre umfängt die Zuschauer, die mit Spannung den Zusammenbruch einer intelligenten Frau auf der Bühne verfolgen. Zwischen Schreibtafel, der altmodischen Globus-Bar und einer Empore vollzieht sich in zehn knappen Szenen und Rückblenden ein unheilvolles Spiel zwischen vier Menschen. Im Mittelpunkt des Stücks «Der Beweis» von David Auburn im Aachener Das Da Theater: Vater und Tochter, die beide ruhelos herumgeistern.

Bei dem toten Mathematikgenie Robert ist das Herumgeistern zweifellos eher begreiflich als bei seiner Tochter Catherine, die ihr Leben nach dem Tod des Vaters in den Griff zu bekommen sucht. Der brillante Professor, der bereits mit 23 Jahren aufsehenerregende Arbeiten vorlegte, litt in seinen letzten Jahren zunehmend an Demenz und Wahnvorstellungen. Gepflegt und betreut wurde er von Tochter Catherine, die ihr Studium aufgab, um dem kranken Vater beizustehen.

An ihrem 27. Geburtstag wird die depressive junge Frau vom toten Vater beglückwünscht - eine starke Szene mit Jens Eisenbeiser und Karen Lauenstein, die ihre Rolle überzeugender spielt als Gwyneth Paltrow, die in der Verfilmung (mit Anthony Hopkins als Vater) die labile Catherine verkörperte. Trotz Starbesetzung wurde das Kinostück kein großer Erfolg.

Tom Hirtz´ einfallsreicher Inszenierung gelingt es immer wieder, dem komplex verschachtelten Drama Lebendigkeit einzuhauchen, doch insgesamt bleibt «Der Beweis» etwas schwer verdaulich. Schön stimmig und gleichzeitig beunruhigend: Bühne und Kostüme von Frank Rommerskirchen.

Das verwirrende Puzzle aus Momentaufnahmen und Rückblenden hat natürlich weit weniger mit mathematischen Fragen zu tun als mit menschlichen Konflikten und Problemen. Es geht um die klaffende Differenz zwischen wissenschaftlichen Gleichungen und wirklichem Leben, es geht auch um bezeugte Liebe und Vertrauen. Hat der geniale Vater, der ja nur als Projektion aus Catherines Erinnerung auftritt, das Leben seiner Tochter ruiniert? Denn sie hat alles für ihn aufgegeben, ihre Ausbildung und jedwedes soziales Leben.

Das Schauspieler-Quartett macht seine Sache gut: Nicht nur Eisenbeiser und Lauenstein imponieren, auch Patricia Rabs als Catherines Halbschwester Claire und Adrian Moll als Doktorand Hal zeigen vielschichtige Facetten. Die gefährdete Catherine scheint fast wie ihr Vater zwischen Genie und Wahnsinn zu schweben, der allgegenwärtige «Dad» wird zu einem lastenden Über-Ich und Vorbild, das sie kaum erreichen kann.


Die lebenstüchtige Schwester Claire im schicken Business-Dress will alles ordnen und regeln - auch ihr Apfelkuchen wirkt wie ein Rezept gegen Verzweiflung und Lebens-überdruss. Großartig die Szene mit dem Kleidersortiment, das die aus New York angereiste Claire für die «trübsinnige» Schwester bereithält. Für die «Beerdigungs-party»...

Das Premierenpublikum spendete herzlichen Beifall.

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Tödliches Finale nach dem Disco-Besuch

Fesselnde Inszenierung im Aachener DAS DA Theater: Lutz Hübners Stück "Ehrensache" beruht auf tatsächlichen Geschehnissen.

Von Grit Schorn
 
Aachen. Schon Lutz Hübners Stück "Nellie Goodbye" war im Aachener DAS DA Theater ein großer Erfolg beschert - das schnörkellose und doch tiefgehende Jugenddrama um eine todkranke Bandsängerin zeigte Hübners Talent, aktuelle Stoffe fesselnd und bühnentauglich umzusetzen, in einer lebensechten, kraftvollen Sprache ohne Mätzchen. Mit "Ehrensache" greift der Autor, Jahrgang 1964, nun reale Geschehnisse auf, die vor zwei Jahren in Hagen zur Verurteilung zweier junger Männer türkischer Herkunft geführt hatten. Das Hagener Landgericht sah als erwiesen an, dass der damals 20-jährige Haupttäter auf einem Parkplatz seine 14 Jahre alte Freundin aus Eifersucht getötet hatte. Der 18-jährige Mitangeklagte soll auf die Freundin des Opfers eingestochen haben, um sie als Zeugin zu beseitigen.

Brisanter Stoff

Dass der Autor sein Stück nicht plakativ "Ehrenmord", sondern "Ehrensache" genannt hat, ist ihm hoch anzurechnen. Denn die genauen Umstände des echten Falles sind bis heute nicht völlig geklärt. Überdies hat die Mutter des getöteten Mädchens nach der Uraufführung 2005 in Essen ein Aufführungsverbot in Hagen erwirkt. Auch diese Reaktion verweist vielleicht auf die Brisanz des Stoffes.

Die straffe Inszenierung von Tom Hirtz zeigt in knappen, prägnanten Szenen die dramatische Zuspitzung einer Situation, die völlig außer Kontrolle gerät. Bevor die Zuschauer überhaupt erfahren, was mit vier jungen Leuten, die sich zu einem Ausflug nach Köln verabreden, eigentlich passiert ist, werden sie mit harten Gegensätzen konfrontiert: links ein nüchterner kühler Raum mit Kunstlicht, wo ein psychologischer Gutachter den türkischstämmigen Cem befragt, rechts eine freundliche Kuschelecke, in der die überlebende Freundin des Opfers mit ihrem Psychotherapeuten spricht.

Gut herausgearbeitet ist die Unsicherheit des jungen Cem, dessen schwankendes Selbstwertgefühl schnell in Gereiztheit und Angriffslust umschlägt. Aber auch die Traumatisierung von Ulli, die die Tötung ihrer Freundin Ellena mit ansehen musste und selbst schwer verletzt wurde, wirkt überaus lebensecht. Die blutrot drapierte Bühnenmitte wird durch ein Drehelement unterstützt, das bestimmte Stationen des tödlich endenden Ausflugs wie auch Foto- und Erinnerungsmaterial beleuchtet. Eben noch die trügerische Glitzerwelt einer Disco, in der die blutjunge Ellena den Stress im Elternhaus vergessen möchte, später das Treffen an Cems weißem Cabrio und schließlich der "Tatort", wo am Ende zerstörerische Triebkräfte und emotionale Verletzungen aufeinander treffen - mit tödlichem Finale. Bühnenbild und Kostüme: Frank Rommerskirchen, der auch als Ullis Psychotherapeut zu sehen ist.

Beeindruckend und berührend, wie die jungen Darsteller Lebenshunger, Ängste und Sehnsucht, aber auch Aggression und hilflose Wut sichtbar machen. Bei Cem, dem Mustafa Eren facettenreiche Züge verleiht, geht es nicht nur um prahlerisches Machotum, sondern auch um einen übersteigerten Ehrbegriff, der ihn eisern im Griff hat und ihm kaum Entfaltungsmöglichkeiten lässt. Er liebt sein gepflegtes, sauberes Auto und achtet nur "unbenutzte Frauen", zu denen er die verführerische Ellena nicht zählt - gerade deswegen, weil er sie begehrt. Heilige oder Hure, diese Unterscheidung kann nicht gut gehen, erfährt Cem denn auch durch seinen psychologischen Gutachter (Mike Kühne).

Die stolze, unabhängig sein wollende Ellena ist Cem gar nicht so unähnlich - sie testet alle Grenzen aus, gibt nie nach und provoziert Cem, bis er sich von ihr verspottet und in seiner Männlichkeit gekränkt fühlt. Daniela Gölden gibt dieser Ellena flirrende Attraktivität und Wagemut, aber auch labile Züge. Cems Kumpan Sinan verkörpert Jens Eisenbeiser höchst lebensecht als nettes Großmaul, das seine Ängste hinter Clownerien verbirgt. Am wenigsten geschädigt wirkt die um Ellena trauernde Ulli, sehr natürlich und überzeugend von Patricia Rabs gespielt.

"Ich will frei sein", das Lied von Xavier Naidoo füllt den Raum im DAS DA Theater und erinnert daran, dass jeder unter Freiheit etwas anderes versteht. Großer Applaus und Standing Ovations für die gelungene Inszenierung und die ausgezeichnete Darsteller-Riege. Mitten im Publikum: der Autor Lutz Hübner.

Aachener Zeitung / Aachener Nachrichten, 14. Oktober 2006

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Aufführung ohne falschen Zungenschlag

In Ehrensache glänzen die Darsteller weil sie nicht „Kunst“ machen, sondern Wirklichkeit mitteilen

[...]Die einzige, die ohne Maske auskommt und in ihrer verblüffenden Direktheit nicht nur darstellerisch den weitesten Bogen spannt, sondern auch so etwas wie zum Hoffnungsschimmer des Abends wird, ist Patricia Rabs als überlebende Freundin.

Bei all dem schrill intonierten Hype um Integrationsprojekte, der derzeit die Runde macht, ist dem DAS DA Theater eine klare Aufführung ohne falschen Zungenschlag gelungen. Was insbesondere an den jungen Darstellern liegt, die etwas zu sagen haben, weil sie sehr genau ihre eigenen konkreten Erfahrungen einbringen können. Und endlich einmal kann auch Schulklassen ein Besuch nachdrücklich empfohlen werden.

Guido Rademachers, Klenkes

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